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I Man sagt:
Jeder bezahlt Eintrittsgeld in die Türkei – sagt man. Das meine ist vergleichsweise bis jetzt gering, aber es ärgert mich doch.
Der junge Kellner lockt mich mit vielen Worten in sein Restaurant
Ich mache dir Schatten
Ich mache dir Sonne, wie du willst.
Nimm den Vorspeisenteller
Ich mache dir die Hälfte
12 Lira steht in der Karte
5 – sagt er.
Er macht Sonne ,
er macht Schatten
das Brot ist frisch, die Tsatziki schmeckt gut.
Als ich bezahlen will, sind aus dem Preis 5 Euro +2 für zwei Wasser geworden.
Worauf bezog sich die Hälfte?: auf den Europreis im Vergleich zum Lirapreis oder auf die Portion?
So geschieht`s wenn man sprachlich im Vagen bleibt.
Aber so kompliziert denkt ja keiner, wie der Bursche raffiniert ist.
Einen Pastor allerdings legt man nicht ungestraft herein.
Ich werde wiederkommen mit meiner halben Familie
Und beim Nachbarkellner – unter den Augen des kellnernden Burschen von nebenan -
Genau das Doppelte verzehren.
Im Übrigen habe ich gelacht und zu den 14 Lira für die halbe Vorspeise noch eine als Trinkgeld gelegt. Eintrittsgeld!
II
Ein wenig fühle ich mich benutzt.
Schon vor Wochen hat sich bei mir ein Brautpaar gemeldet, das in der Türkei – in ihrem Lieblingshotel – seine kirchliche Trauung nachholen will. 20 Jahre kennen sie sich, 10 sind sie verheiratet, beide aus 1.Ehe verwitwet.
Warum nicht, denke ich.
Einen Pastor soll man doch benutzen. Wir sind für die Menschen da und ihre Vorstellung von ihrem Leben. Sie haben sich nicht nach den meinen zu richten.
Mal sehen, was mich in Kumköy erwartet.
Mich erwartet ein Hotelmanager, der alles arrangiert hat.
Das Hotel ist Ihres – sagt er mir. Auch ein gutes Gefühl!
Der Saal ist geschmückt
Der Brautstrauß geordert
Drinks sind gemischt
Hochzeitskuchen bestellt.
Die Atmosphäre im Hotel ist so auf Amüsement getrimmt, dass manche von den Gästen auch die Trauung für eine Commedy – Einlage halten und mich fragen, ob ich wohl echt bin.
Ich bin echt
Und werde es immer mehr vor allem, nachdem sich auch eine gewisse Dichte während des Gebetes für das Brautpaar und des Vater unsers einstellt.
Es wird still als wäre der Hotelsaal eine Kirche.
Und sie singen sogar: Lobet den Herrn, Großer Gott wir loben dich, Nun danket alle Gott – singen sie als säßen sie in der Kirche.
Natürlich will der Hotelmanager daraus ein Geschäft machen: ein Prospekt soll her.
Hochzeit im Trendy – Hotel. All inklusiv – auch der Pastor.
Spendenkörbchen nicht möglich – da ja “all inklusive”.
Ob ich mich auf meine alten Tage als Hochzeitspastor eigne?
Ob die ser Job Zukunft in der Türkei hat?
Ich werde meine Preise überdenken müssen: all inklusive.
III
Das schwäbische Ehepaar jappst den Burgberg hinauf.
Sie haben Umwege hinter sich, sind die Burgmauer entlang ohne das Tor zu finden.
Ich erkläre ihnen den einfachen Rückweg.
Kommen Sie morgen in den Gottesdienst, dann sehe ich, ob sie zurückgefunden haben. Sonst komme ich Sie suchen.
Ach, Sie sind Pastor? Sie sehen so vernünftig aus.
IV
Der Barbier von Alanya
Meine Haare haben’s nötig. Mein Bart noch mehr. Ich lasse mich auf ein freundliches Angebot ein, handle sogar noch 5 Lira hinunter und die Prozedur beginnt:
Die Schere flirrt hin und her. Was da bei mir noch zu kürzen ist, wird gekürzt.
Meine Ledertasche mit dem Geld hatte ich mir zu Füßen abgelegt.
Der Friseurgehilfe, der anscheinend noch zu lernen hat und seinem älteren Kollegen zuschaut, räumt sie auf die Sitze hinter meinem Rücken – mir aus dem Blick.
Das ist mir gar nicht so lieb, bin ich doch Lateinamerika erfahren.
Aber man will ja nicht so misstrauisch wirken.
Ein älterer Mann macht sich an dem Zeitschriftentisch neben den Stühlen zu schaffen.
Dann verschwindet er schnell.
Mein Bart wird gestutzt, dann wird rasiert – alles vom Feinsten. Das Messer schwingt hin und her – meisterlich.
Schließlich werden die Haare gewaschen, geflämmt. Türkisch Kebab – sagt der Chef.
Mir werden die Hände, die Arme, der Nacken, der ganze Rücken wird mir massiert.
Einbalsamiert, beduftet, gepudert.
Wo bin ich denn?
Ganz offensichtlich im Orient.
Meine Tasche habe ich vergessen.
Dann zahle ich den vereinbarten Preis. Drücke beiden reichlich Kleingeld in die Hand, verabschiede mich mit langem Händedruck: Bis zum nächsten Mal.
Draußen werfe ich einen Blick ins Portemonnaie:
100 Euro fehlen!
Sie fehlen – oder habe ich sie gar nicht eingesteckt?
Verwirrt und brütend gehe ich die Atatürk entlang: Hat er oder hat er nicht?
Sogar das Mittagessen schmeckt mir nicht mehr bei dem Gedanken, wie teuer mich wohl der Haarkünstler gekommen ist.
Als ich nach Hause komme, liegen die 100 Euro, wo sie liegen sollen.
Was man sich doch alles so im Laufe des Tages denkt.
Bis zum nächsten Mal – mein lieber Barbier.
Und: Entschuldige!
V
Ein älterer Herr, Berliner, also von Natur aus wohl nicht auf den Mund gefallen, erzählt mir von einem Experiment:
Er habe sich nach dem deutschsprachigen Gottesdienst in Antalya bewusst zurückgehalten, um zu sehen, ob jemand auf ihn, den Fremden, beim anschließenden Kaffee zugehen würde.
Fehlanzeige.
Das gleiche Verhalten hätte er gegenüber einer jungen Frau – offensichtlich unbekannt und neu – beobachtet. Sie sei dann weggegangen.
Übrigens: in Alanya sei es auch nicht besser.
Gemeinde – doch nur ein Club?!
Später erzählt der Berliner, wie oft ihm von Türken Früchte, Essen, Blumen angeboten worden wäre.
Einfach so.
Einfach, weil er in der Nähe saß – eigentlich fremd in fremden Land und ganz und gar sprach-ohnmächtig.
VI
Der kurdische Restaurant-Pächter aus dem Erdgeschoss meines Hauses sitzt jeden Tag auf der Terrasse seines Restaurants als sein eigener Gast.
Meistens sein einziger Gast – soweit ich es beobachte. Mal sind zwei, drei Freunde da. Das sieht nach Kundschaft aus.
Sie warten auf Gäste.
Indessen wird das Restaurant ausstaffiert:
Lampengirlanden installiert, Tische gerückt, Musik ausprobiert, Werbeschilder angebracht:
Pizza steht darauf.
Sie warten.
Auch mich laden sie zum Kaffee ein mit dem dezenten Hinweis, dass alle Hausbewohner hier äßen. Auch mein Vormieter hätte es getan.
Merhaba – sage ich zu jeder Tageszeit.
Einmal werde ich ihre Pizza essen.
Sie warten.
VII
Haben Sie ein paar Nüsse zum Bier, frage ich den Kellner.
Am Nebentisch sitzen drei Türken, alte Herren, beim Tee und Gespräch.
Sie haben Nüsse auf dem Tisch.
Ich schaue vom Buch auf.
Monsieur – oder so ähnlich, habe ich verstanden.
Der weißhaarige Türke hat eine Handvoll Erdnüsse auf meinen Tisch gelegt.
228 Responses to “Pastors türkische Miniaturen Teil 2”
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