Staatliches Devlet-Krankenhaus Alanya

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“Huaah, ich bin ja so frühlingsmüde
Es war für mich doch sehr anstrengend, auf diese Welt zu kommen. Jetzt ist es 10:17 und ich bin seit Schlag vier Uhr in der Frühe da. Schon schläft der erste kleine Mensch dieses Tages weiter. Der Alanya-Bote meldete sich für den letzten Tag im April zu einem mehrstündigen Besuch an. Viel Besorgniserregendes wird vor allem in Touristenkreisen über das Devlet - Krankenhaus kolportiert. Wenige kennen das hohe Haus mit der schönsten Aussicht in Alanya aus eigenem Erleben. Aber hartnäckig halten sich Gerüchte über unhaltbare Zustände.


Innerhalb von Minuten bekamen wir für den 30. April 2008 um 11 Uhr einen Termin zu ausführlichem Gespräch mit Ismail Baþaran, dem ärztlichen Direktor. Aktueller Anlass war das Ableben der deutschen Patientin Ingrid M. Frau M. war Patientin in einem
privaten Unternehmen der Krankenindustrie.
Ihr Lebenspartner erbte einen Berg an Operations- und Behandlungsschulden. Ein”lieber Freund” sorgte, ohne Abklärung der tatsächlichen Kosten, für die Einweisung in die Privatklinik.
Vor Monaten wurde eine Russin Opfer eines Verkehrsunfalles mit Fahrerflucht. Nach stundenlanger Rundfahrt durch die privaten Krankenhäuser verstarb sie auf ihrer letzten Station, dem Devlet-Krankenhaus. Wir konfrontieren Ismail bey mit diesen Schicksalen.
“Es gibt tatsächlich die Anweisung der Leitung von “112″, Ausländer immer erst einem privaten Krankenhaus anzubieten”, so Baþaran. “Über die Gründe möchte ich nicht sprechen, aber die zu erraten dürfte nicht schwierig sein. … Wer im Notfall die rettende “112″ ruft, in Deutschland gesetzlich pflichtversichert ist und nicht privatärztlich behandelt werden möchte, der sollte energisch darauf bestehen, in das Devlet-Krankenhaus transportiert zu werden! Oder seine Angehörigen sollten es tun!” Dann gibt es kein Kostenrisiko!

Wir sind auf dem letzten Stand der Medizintechnik und unsere 50 Ärztinnen und Ärzte bilden sich permanent weiter, schon, um die Kriterien für die Zertifizierung des Hauses auch in Zukunft zu erfüllen. Alle medizinischen Disziplinen werden abgedeckt, außer Kardiologie, Gefäßchirurgie und plastische Chirurgie. Wenn solche Behandlungen notwendig sind, dann überweisen wir. Das ist dann ebenfalls ohne unkalkulierbares Kostenrisiko.

“Was ist mit Patienten, deren Versicherungsstatus nicht zu ermitteln ist?” Dieses Problem ist bei Europäern äußerst selten, es tritt häufiger bei Russinnen und Russen auf. Auch die sind, so lange es medizinisch notwendig erscheint, unsere Patienten, das ist doch selbstverständlich, so der medizinische Direktor. Das sei eine Frage der Ethik. Zwar werde versucht, Kostendeckung über Botschaft oder Konsulate zu erlangen, aber es werde kein Patient abgewiesen. Die Kosten fallen dann eben dem türkischen Staat zur Last.

Nach einer Stunde warten ärztliche und administrative weitere Aufgaben auf den ärztlichen Direktor, wir werden Zennure Tunçkaynak, der Leiterin des Sozialdienstes und Fatma Özgül, der Gästebetreuerin, weitergereicht Vorher erfahren wir aber noch, dass jeden Tag 2.000 - 2.500 Menschen ärztliche Hilfe suchen und bekommen. An diesem 30. April sind es bis in den frühen Vormittag bereits 1200 Patienten, die in der vor zwei Jahren neu erbauten Poliklinik und im Haupthaus von bis zu 50 Ärzten verarztet wurden.

Diese Zahlen scheinen riesig, das hat aber mit der türkischen Mentalität zu tun, auch bei kleinstem Weh, vor allem mit den Kindern sofort das Krankenhaus aufzusuchen. Zu den Unterschieden der Kulturen weiß Ismail bey noch in der Tür zu berichten, dass bei seinen Fragen nach dem Wohlbefinden Türken fast immer in Wehklagen ausbrechen, während Europäer sich zumeist positiv über Heilungsfortschritte äußern.

Die 250 Betten verteilen sich auf Ein-, Zwei- und maximal Dreibettzimmer, alle mitsamt den Nebenräumen hell und freundlich, ausgestattet mit so genannten Nasszellen, Klimaanlagen, Kühlschränken, Fernsehern. In jedem Zimmer ist zusätzlich ein Canapé vorhanden, vorgesehen für die Übernachtung von Angehörigen. Im Einzelzimmer kostet das YTL 22.– , im Mehrbettzimmer YTL 10.–, Verpflegung eingeschlossen. Wählt man als gesetzlich Versicherter ein Einzelzimmer, ist das ebenfalls für 22,– YTL Zuzahlung möglich.

Zennure haným, die Sozialdienstleiterin, weiß sich zuständig für die Betreuung von Patienten über den stationären Aufenthalt hinaus, organisiert, mobilisiert, sorgt bei Bedarf für Kleidung usw. Sechzig Ehrenamtliche, in Deutschland als “die grünen Damen” bekannt, gehen ihr dabei zur Hand. In jeder Abteilung, die wir betreten, erlangen wir jede gewünschte Auskunft.

Die Patientenzimmer tragen sämtlich außen deutlich angebrachte Namen, stadtbekannte und weniger bekannte von Sponsoren, So wurde die vor 2 Jahren neu eröffnete Poliklinik vollständig durch Spenden von Bürgern der Stadt Alanya ermöglicht. .Der Staat baut unter anderem auch Krankenhäuser, aber Modernisierung und Ausstattung werden zum großen Teil privat organisiert.

Wie es mit der Verständigung mit Ausländern aussieht, gibt es Dolmetscher? Fünfzehn der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können sich mit Deutschen in deren Sprache verständigen, sie seien bei Bedarf sofort zur Stelle.

Der kleine Mann, an diesem 30. April morgens um vier Uhr geboren, ist nun ein paar Stunden alt. Er hat noch keinen Namen, das wird später im Familienrat geregelt werden, lässt seine Mutter wissen. Männer seien auf der Geburtsstation nicht erwünscht. Die haben außerhalb zu warten, bis Mutter und Kind sie zu sehen wünschen.

In der Türkei ist es noch ungewöhnlich und unüblich, will ein Mann bei der Geburt anwesend sein, verrät uns die energische Hebamme. “Will ein Kerl das trotzdem, dann rühren wir keinen Finger, fällt er etwa in Ohnmacht. Dann bleibt er liegen, bis er wieder erwacht und auf eigenen Füßen rasch das Weite suchen kann.” Scherzt die Fachfrau mit einem Augenzwinkern. So ist das hier.

Ein helles, sehr sauberes Krankenhaus gibt es da oben am Berge, die Mitglieder des Freundschaftsvereines Hür Türk haben es besichtigt und äußerten sich positiv. Ob es auch Schattenseiten gibt?

Das wird schon in Kürze herauszufinden sein. Zwar ohne Perücke und Sonnenbrille, aber als ein der Landessprache nicht Kundiger, werde ich mich in eigener Sache unter die Patienten mischen - und darüber schreiben.

Peter Hockenholz

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