Pastors türkische Miniaturen

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Dafür aber kommt gleich der Staatspräsident Güll - aus dem Wagen huldvoll winkend - an mir vorüber. Aber die Busse fahren noch lange nicht, denn die Strassen sind auch wegen der Radralley gesperrt. Neben mir wartet ein älterer Herr an der Busstation. Er spricht nicht Deutsch, nicht Englisch und ich kein Türkisch.
Autobus - frage ich achselzuckend. Auch er zuckt mit den Achseln.

Taxi - sage ich. Warte - sagt seine Gestik.
Er ruft mit dem Handy seinen Sohn herbei. Innerlich zögere ich ein wenig, dann lasse ich mich mitnehmen - auf vielen Windungen durch die gesperrte Stadt.

Irgendwo - schon draußen in Tosmor - setzen sie mich ab.
Jetzt kannst Du den Bus nehmen - sagt der Sohn.
Ich nehme den nächsten - um 2 Minuten nach 8 Uhr bin ich am Hotel Allantours.

Wäre die Geschichte in Deutschland so möglich? Vielleicht. Eher nicht.

Wahrscheinlich wären wir gar nicht ins Gespräch gekommen, auch bei allgemeinen Deutschkenntnissen.

II
Zwei Kameraleute stürmen unangemeldet in den Gottesdienst - kurz nach dessen Beginn.
Sie halten drauf: auf mich, den Pastor, auf die Gesichter der Leute, die das Eingangslied
singen.

Sie kommen fast jeden Sonntag - als wäre der Gottesdienst eine Sensation.
Noch bevor ich den Gottesdienst eröffne frage ich sie: Glaubt ihr an Allah? Würdet ihr betende Männer in der Camii filmen?

An der neuen Moschee im Stadtzentrum hängt ein
freundliches Begrüßungsschild mit dem Satz: Fotographieren sie bitte keine Betenden.
Seid wilkommen ,hos gildinis, sage ich den Filmern. Aber respektiert unsere Religion auch! Filmt keine Betenden!
Sie verstehen kaum Englisch und ich spreche es schlecht.

Wollt ihr keine Türken, sagen sie abziehend - oder so etwas
ähnliches. Nein, darum geht es nicht. Wie soll ich es euch besser erklären? Es bleibt ein Nachgeschmack,- wahrscheinlich nicht nur bei mir.

III
Mein Kaufmann an der Ecke hat drei Söhne.
Manchmal sitz einer von ihnen an der Kasse, wenn ich mein Bier oder eine Milch hole.

Neulich hatten sie sich eine Döner-Rolle zu Mittag gemacht.
Willst du probieren? fragt mich der Vater. Einer der Söhne schneidet mir ein Stück von seinem Fladenbrot ab - ehe ich reagiere.

Ja, ob meine Söhne so bereitwillig von ihrer Currywurst abgäben?

Iv
Wie ernst nehmen die Menschen ihre Religion?
Der Muezzin ruft: Gott ist größer, Größer als was?
Als die Stadt? Als die Berge des Taurus? Als der kleine Groß-Mensch an den Cafetischen auf der Atatürk?
Ob sie ihn noch hören, den Muezzin? Vielleicht müsste er noch lauter rufen - oder vielleicht leiser?

V
Gekommen sind sie, um den Bauch in die Sonne zu legen, gut türkisch zu essen, billig einzukaufen.

Dagegen ist nichts zu sagen. Ich mach es auch nicht anders.
Und doch lebt der Mensch nicht allein von Brot.

Schon eher von Luft und Liebe, aber auch davon nicht allein.
Manchmal sieht einer den Anschlag in der Tür der Touristen-Information - und er kommt sogar:
In den Bauch der Erde.
In den Keller des Kulturhauses - sonntags um 11 Uhr.

Manchen begegnet ihre eigene Religion auf türkischem Umweg, auch wenn sie nur noch wenig von ihr wissen. Ja,ja - nicht von Brot allein… Wie gut, dass es Sehnsucht in uns gibt.

VI
Freiheit hin oder her.
Müssen die Europäer ausgerechnet in der Türkei den Türken zeigen, dass sie nichts für sich behalten können?:

Ihre Brüste nicht am Strand
Und das krumme Männerbein nicht auf dem Boulevard.
Manchmal möchte ich beginnen, das Kopftuch zu loben
Oder die weite Türkenhose.

VII
Beneiden die türkischen Frauen die Nackten am Strand
Oder verachten sie sie?
Wer kann in die Herzen schauen?

VIII
Gerede ist Macht.
Man schmeichelt mit Worten , man tötet mit ihnen.
Mit übler Nachrede baut man Imperien.

Auch die Presse ist Macht.
Ihr Geschäft ist die “Rede über…” und “speichern unter…”
Es kommt ganz darauf an, was sie berichtet - und wie sie es tut.

Pfr. Rainer Wutzkowsky

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