Andacht zum Sonntag Judica (9. März 2008), Von Pfarrer Holger Nollmann, Istanbul

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Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir (Hebräerbrief 13,12-14).

Passion in der Türkei: In der gleichen Region, in der vor fast 2000 Jahren die Geschichte des Christentums als Weltreligion begann, sind die Christen nur noch eine winzige Minderheit – eingeschränkt in der freien Ausübung ihrer Religion, behandelt als Bürger zweiter Klasse. Im Prozess gegen die Mörder von drei Christen werden tiefe Verstrickungen zwischen Justiz, Polizei und den nationalistischen Kreisen, zu denen die Mörder gehören, offenbar. Die Regierung erkauft sich die Zustimmung der rechtsradikalen Opposition zur Aufhebung des Kopftuchverbots an Universitäten mit der Zusage, bereits angekündigte Verbesserungen für die christlichen Kirchen wieder zurückzustellen.

Passion in der Türkei: Trauer über die massenhaften Auswanderungen in der Vergangenheit, Verzweiflung über die schlechte Lage in der Gegenwart und Hoffnung auf Neues verbinden sich.

“Wir haben hier keine bleibende Stadt”. Dieses Wort trifft genau. Die Erfahrung von Vergänglichkeit dominiert das Leben, das Gefühl von Vergeblichkeit drängt sich tagtäglich neu auf. So lange schon ringen Christen hier um Anerkennung. Sie gelten als Fremde, obwohl sie doch hier zu Hause sind; die Türkei ist ihre Heimat, hier sind sie geboren. Was sie sind, was sie besitzen, das haben sie mit ihren eigenen Händen aufgebaut und bewahrt.

Passion in der Türkei: Der Blick richtet sich aber nicht nur rückwärts, er richtet sich auch nach vorn. “Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.”

Diese zukünftige Stadt, das verheißene Jerusalem bestimmt die Atmosphäre jedes orthodoxen Gottesdienstes. Nicht als Vertröstung ist das gesagt, sondern als Verheißung. Nicht nur von einer anderen Welt wird hier gesprochen, sondern auch von der gegenwärtigen. Eine Verheißung ist das, die im irdischen Leben zwar niemals voll eingelöst wird, die aber doch hineinleuchtet in das Hier und Jetzt. Von einem Leben ist die Rede, welches das begrenzte, sterbliche Leben übersteigt, es aber doch jetzt schon verwandelt.

Diese Verbindung zwischen Zukunft und Gegenwart, zwischen der Verheißung und ihrer Vorwegnahme, zwischen dem himmlischen Jerusalem, in dem nur noch Licht sein wird, und den konkreten Orten, in denen Licht und Schatten sich mischen – diese Verbindung wird in jeder Feier der Heiligen Liturgie eindrucksvoll Gestalt. Und sie weckt Mut – Mut zur Bewältigung der bedrückenden Gegenwart und auch Mut zu einer besseren Zukunft. Sie öffnet den Horizont über die Ränke der Politik und die bleierne Schwere des Alltags. Sie stellt das gegenwärtige konkrete Leben in ein neues Licht: das Licht der Hoffnung.

Doch woher kommt dieses Licht? „Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.“

Das Licht kommt aus dem Orient – gibt Orientierung: Im irdischen Jerusalem nimmt es seinen Anfang – draußen vor dem Tor. Und es trägt einen Namen: Jesus von Nazareth, in Bethlehem geboren, auf Golgatha vor den Toren Jerusalems ans Kreuz geschlagen. Auf ihn kommt es an: das Kind in der Krippe, den Geschundenen am Kreuz. Er verbindet das irdische und das himmlische Jerusalem. Er steht dafür ein, dass auch in der Türkei das Licht der Hoffnung jetzt leuchtet. Um seinetwillen gibt es einen Zusammenhang zwischen der verheißenen Stadt, in der es immer licht ist, und den Städten hier und jetzt, in denen Licht und Dunkel wechseln. Er, dieser Jesus von Nazareth, ist der Christus, das Maß aller Dinge nicht nur in der zukünftigen, sondern auch schon in jeder jetzigen Stadt.

Wer sich an ihn hält, braucht diese zukünftige Stadt nicht erst zu suchen. Denn er kennt ja schon den, der auch in ihr die Herrschaft hat – so demütig und sanft wie bei seinem Einzug ins irdische Jerusalem, so einladend und freigiebig wie bei seinem letzten Abendmahl mit seinen Freunden. Er spricht den Strauchelnden Gottes Gnade zu und richtet die Gebeugten auf. Er trocknet die Tränen ab. Und schließlich nimmt er selbst Leid und Schmerz, ja den Tod auf sich. Draußen vor dem Tor setzt er sein eigenes Leben ein, den Menschen zu Gute. Es ist dieser demütige, sanfte, einladende, freigiebige Christus, unter dessen Herrschaft das künftige Jerusalem steht. Und als solcher entfaltet er auch jetzt schon seine Kraft. Ohne Zwang ist diese Kraft, so zart aber bestimmt wie das Licht, das die Kerzen in der Kirche verströmen. Es ist gerade diese Freiheit von allem Zwang, die Menschen in ihren Bann zieht und ihr Leben erneuert. Es wird zu einem Leben, das trotz aller gegenwärtigen Bedrängnis von der Hoffnung bestimmt ist, im Glauben gründet und sich in der Liebe bewährt. Denn dieses Licht will in all die Dunkelheiten der Gegenwart eindringen und sie verwandeln.

Passion in der Türkei: Menschen werden durch diesen Christus Jesus aufgerichtet. Was an ihrer Vergangenheit und Gegenwart schmerzlich ist, wird nicht verdrängt. Aber sie wissen: es behält nicht das letzte Wort. Denn Menschen, die so aufgerichtet werden, können sich offenen Blicks der Zukunft zuwenden. Und diese Zuversicht kann ihnen niemand rauben

In geschwisterlicher Verbundenheit gewidmet Bartholomäus I., Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel, und mit ihm allen Christen in dieser Stadt.
Pfarrer Holger Nollmann, Istanbul
Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in der Türkei

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