Wider die Toleranz?

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Gutes und Arges liegt ziemlich nahe beieinander. Manches Mal viel zu nahe. Imam Osman von Mahmutlar lud Joachim Kusch, den scheidenden evangelischen Pfarrer nebst Ehefrau am Sonnabend, dem 23. Februar 2008 zu einem Abschiedsessen ein. Geladen war auch der Müftü von Alanya, der mit seinen Mitarbeitern am Tisch des Hodscham Platz nahm. Auch die lokalen Notabeln gaben sich die Ehre.

Kusch ist der erste Pfarrer der evangelischen Kirche, dem diese hohe persönliche Anerkennung zuteil geworden ist. Immerhin war er der Seelsorger und damit der Repräsentant einer oekumenischen Gemeinde, die aus der Sicht korantreuer Muslime als eine Ansammlung von Ungläubigen gilt. 

Auf der gemeinsamen Fahrt nach Mahmutlar berichtet Ahmet Algül, Herausgeber des Alanya-Boten über einen aufgeregten anonymen Anuf am Vorabend. Ein hier lebender Deutscher, der betont habe, seinen Namen aus Angst zu verschweigen, sei im öffentlichen Bus von Alanya nach Mahmutlar zusammen mit seiner Frau von weiblichen Fahrgästen auf üble und unflätige Weise in türkischer Sprache beschimpft worden: Ihr Deutschen seid allesamt Mörder, ihr habt das Haus in Ludwigshafen angezündet, um uns Türken zu vernichten! Verschwindet endlich aus unserem Land! So habe es in der hierzulande üblichen kreischenden Kopfsprache getönt.  

Nun denke ich nächtens darüber nach, was ich erwidert hätte. Auf die Stadt Sivas hinweisen, in welcher Türken von Türken verbrannt wurden, weil sie einen vom Schiitentum abweichenden Glauben leben, als Aleviten den Lehren Alis folgen? Ach, was hätte es gebracht, außer weiteren Verhärtungen? Oder Malatya zitieren? Wo derzeit denen der Prozeß gemacht wird, die den drei Christen im Bibelverlag die Hälse durchschnitten. So, wie im Kurbanbayram den Opferziegen und Opferlämmern? Ein Brauch, der auf das Alte Testament zurückführt? 

Der Empfang bei Imam Osman war wieder einmal ganz besonders herzlich, die Umarmungen so ehrlich gemeint, wie seine Freude über die CD mit dem Beitrag des ZDF am 5. August letzten Jahres. Sie enthält die Sequenz, die während des Freitagsgebetes in seiner Moschee dokumentiert wurde. Hier erlebt der  Berichterstatter einen völlig anderen, einen menschlichen Müftü. Bei Kuschs Antrittsbesuch vor mehr als einem Jahr in der Residenz des Müftü war es noch eine höflich-unterkühlte Atmospähre.Die fix die Kälte einer Tiefkühltruhe erreichte, als der Korrespondent der Anadolu Nachrichtenagentur Frau Kusch unangebracht rüffelte, sie möge den Müftü in seiner Toleranz nicht überfordern. Darüber war berichtet. 

Nun dieser von ganzem großem Herzen so menschlich zelebrierte Abschied. Kein Pathos, keine falschen Töne. Joachim Kusch, der diplomatisch Vorsichtige, der in kurzer Zeit so Manches bewegte, fragt Osmans Vorgesetzten, ob er es gestattet, ihm als Gastgeschen eine Bibel in türkischer Übersetzung überreichen zu dürfen. Erstaunen beim Müftü: Selbstverständlich. Kusch hatte darin jene Stelle aus dem Paulusevangelium kenntlich gemacht, mit welchem sich Sophie Scholl vor ihrer Hinrichtung durch die Nazistrolche Kraft zusprechen ließ. Der Apostel predigt über die Liebe, die alles überlebt.  

Eigentlich wollte ich noch darauf eingehen, dass auch hier im privaten Umfeld einige (wenige) Nachbarn sich abwenden,  den Deutschen nicht mehr grüßen. Und auf den Kaffeehausbesitzer in Alanya, der nach dem Überreichen einer Bibel entsetzt sofort den Medien mitteilt, dass Allah der Alleinseligmachende sei und – siehe weiter oben.Der Toleranz wäre es nicht förderlich. 

Peter Hockenholz 

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