Mer losse d’Moschee en Kölle, denn do jehööt se hin”, sangen die Jecken im Kölner E-Werk, “wat soll se dann in Istanbul, dat het doch keene Sinn!” So ging es bel der “Stunksitzung” zu, Kölns alternativem Karneval: Das Multikulti-Dasein wird als selbstverständlich präsentiert. Doch wenig später war schon wieder Schluss mit den Selbstverständlichkeiten: In Ludwigshafen ging ein von Türken bewohntes Haus in Flammen auf, neun Menschen starben - und schon macht, nicht zuletzt in der Türkei, die Frage die Runde:
War es Brandstiftung? Auf der einen Seite rechtsextreme deutsche Zündler, auf der anderen Seite ausländische Dealer und U-BahnSchläger - das sind Klischees in einem Konflikt, den manche aus politischen Gründen gern ausll1,ltzen und instrumentalisieren. Es ist der Stoff, aus dem Roland Koch seinen Wahlerfolg brauen wollte, es ist auch der Stoff, von dem sich türkische Nationalisten Auftrieb erhoffen.
So wird Staub aufgewirbelt, der vielen Menschen den Blick trübt. Und so wird übersehen, dass sich - jenseits aller Wahlkämpfe oder kurzfristigen Aufwallungen die Beispiele für gelungene Integration in Deutschland häufen wie noch nie.
Immer mehr Menschen treten öffentlich dafür ein, dass ihre ausländischen Wuzeln statt als Makel als Handlungsanlass verstanden werden. Und als Chance statt als Risiko. “Der Homo sapiens hat sich als Homo migrans über die Welt ausgebreitet”, sagt der Migrationsforscher Klaus Bade. Mit anderen Worten: Wanderung ist in der Menschheitsgeschichte nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
Worte und Taten passen oft nicht zusammen Trotzdem werden Migranten meist als Sonderfall wahrgenommen, vor allem, wenn sie vom deutschen Durchschnitt abweichen. Eine wachsende Zahl türkischstämmiger Ärzte, Ingenieure und Unternehmer hat es satt, dass vielen nur Kopftuchfrauen oder Gemüsemänner einfallen, wenn in Deutschland von Türken die Rede ist.
Das Problem ist nur: Diese Elite mit türkischen Wurzeln wird gar nicht als “türkisch” wahrgenommen. So assimiliert, so gut angepasst ist sie. Das gilt allerdings nicht für alle. Statistiken zu Schulabbruch, Jugendkriminalität und Arbeitslosigkeit offenbaren einen überproportionalen Migrantenanteil.
Wer in dieser Gesellschaft schwer Perspektiven findet, sucht sie in islamistischen Lebenswelten - dann wird Migration von einer Chance zum Risiko. Die Politik hat zu reagieren begonnen: mit Integrationsgipfeln, der Islamkonferenz, Appellen zu frühkindlicher Förderung und Sprachkursen. Gerade hier wurde aber jahrelang der Rotstift angesetzt; Worte und Taten passen oft nicht zusammen “Integration ist kein Ausländer-, sondern ein Bildungsproblem”, warnt die SPD·Parlamentarierin LaIe Akgür und fordert, durch Bildung auch das “Vakuum der W erte” bei vielen Migranten zu füllen.
Einst sah Ankara türkische Gastarbeiter als positive Botschafter des eigenen Landes. Dann erkannte man, dass die ungebildeten Zuwanderer aus Südostanatolien eher Botschaften von der Rückständigkeit der Türkei aussandten. Jetzt erst nimmt man sich der “armen Brüder” an: Sowohl die türkischstämmige Elite in Deutschland als auch der türkische Staat unterstützen Integrationsprojekte, fördern Nachbarschaftsinitiativen. Sie fordern aber auch eine Öffnung der deutschen Gesellschaft für die Kultur der Einwanderer.
Wem diese Öffnung zu mühselig ist, der muss sich fragen lassen, was die Alternative ist. Deutschlands demografisches Problem, die sinkende Kinderzahl, lässt sich mit einer besseren Familienförderung zwar angehen, aber kaum ohne Zuwanderung bewältigen.
Schon jetzt haben 38 Prozent der Jugendlichen in Deutschland einen Migrationshintergrund. Integration ist kein Ausländerproblem, sondern eine Inländeraufgabe. Ohne Migranten wird es nicht gehen, mit ihnen vielleicht sogar besser: Europa braucht interkulturelle Tugenden, Migranten bringen sie mit und können sie in Wirtschaft und Staat einsetzen. (UlrIrz)


Recent Comments