Weit entfernt von einem Nachruf

Kategorilenmemiş Add comments

Siebzig Jahre Joachim Kusch, Pfarrer!

Bei Kuschs zu Hause in Alanya, ein entspanntes langes interessantes und, jawohl, auch wegweisendes Gespräch. Auf dem Tisch eine verbogene und in der Sommerhitze Alanyas zerschmolzene Altarkerze, zurechtgebogen, ein wenig unansehnlich. Aber sie leuchtet! “Wir, meine Frau Johanna und ich haben das Stearinfragment geteilt und einen Teil einer sich schuldig fühlenden Frau gegeben. Sie hat ihren rauschgiftsüchtigen Verwandten bestatten müssen und sei geplagt von Selbstvorwürfen. Die lädierte Kerze habe ihr wieder Mut gegeben. Der Verschiedene habe ein desaströses Leben geführt. Aber auch er habe geleuchtet. Das ist die christliche Botschaft!”

Sind wir drei gleich zum Beginn in eine psalmodierende Unverbindlichkeit geschliddert? Noch bevor Frau Johanna zum guten Kaffee die letzten weihnachtlichen Lebkuchen kredenzt?
“Herr Kusch, Sie werden am 19. Februar siebzig Jahre alt. Ihre Zeit in Alanya läuft in Kürze ab. Wollen wir über Sie, Ihre Berufung als Geistlicher, über Ihre letzte Aufgabe in der Türkei reden, über den Menschen Joachim Kusch?”
“Meine Leistung zu reflektieren ist nicht so wichtig. Wichtig sind die Leistungen meiner Begleiter und davon einer der Wichtigsten ist Minister a. D. Erhard Eppler. Es ist ein Glück für mich, dass ich meine Berufung als Pfarrer in interessanten Aufgaben leben konnte. Ein wichtiger Abschluss ist diese meine letzte Aufgabe in Alanya.”

Kusch musste seinen Beruf nicht wie ein Manager von jetzt auf gleich aufgeben. Jahre als ganz normaler Pastor, Jahre als Militärseelsorger, Jahre als Gefängnispfarrer in Frankreich, Jahre einer französisch-deutschen Gemeinde in Nizza. Ganz andere - fremde - Eindrücke, die prägten und die er geprägt hat. `Befiehl Du Deine Wege` läßt sich nicht in französischer Sprache singen, nicht einmal in einer Übersetzung. Der ganz klar frankophile Freiburger kommt immer wieder auf seine und seiner Frau so wichtigen Jahre im Nachbarland zu sprechen und seine Augen leuchten dabei hell wie die reparierte Kerze.
Leichter Anstrengung bedarf es, Kusch aus der Gloire seines Tuns in Frankreich zurückzuholen in die Wirklichkeit Alanyas in der Türkei. Ich bohre tiefer, Joachim Kusch möge über die Startprobleme seiner Aufgabe reflektieren. Er tut es nicht.
“Als ich im September des vergangenen Jahres nach meiner Erkrankung aus Deutschland mein Amt wieder aufgenommen habe, wurde meiner Frau und mir eine für nicht möglich gehaltene warmherzige Begrüßung und überwältigende Zuwendung zuteil!”
Frau Johanna ergänzt nüchtern und vielsagend, dass man die erste Phase nach der Ankunft nicht missen möge. Es habe gedauert, bis die zementierten Strukturen erkannt werden konnten. Über die menschlichen Eitelkeiten, Eifersüchteleien geht Kusch hinweg. Nicht wichtig genug, stellt er fest. Ob die St. Nikolaus-Gemeinde Alanya ein willfähriger Appendix vom ganz anders aufgestellten Sankt Nikolausverein der katholischen Seite in Antalya sei, frage ich, nicht ohne Absicht provozierend. Beide Kuschs weisen das zurück.

Aber dann lässt sich der Pfarrer Kusch doch aus der Reserve locken, ein wenig nur, aber immerhin:
“Die Gemeinde hier ist zahlenmäßig nicht zu übersehen. Aber sie wartet wohl auf ein Wunder. Vielleicht steht ja irgendwann einmal eine Kirche in Alanya, fix
und fertig direkt vom Himmel hoch auf ein zentrales Grundstück in der Stadt heruntergelassen - und wir haben nicht einen Finger gerührt und unsere Geldbörsen konnten geschlossen bleiben.” So wörtlich würde sich der Pastor nicht ausdrücken, aber so hat er es gemeint.”
“Nun möge ein anderer, Jüngerer, ein Einundsechziger aus Bochum, der die unmißverständliche Sprache des Ruhrpotts spricht, neue Energien wecken. Er kommt vorerst für einige Monate, um vielleicht Jahre zu bleiben, es liegt an uns. Wir haben ihm Listen vorbereitet, damit er einen leichteren Start vorfindet.”
Schon erklärt Joachim Kusch mir seine Skrupel, er wird dann leise und es ist gut, genauer hinzuhören. “Weihnachten ist für Christen die stille Zeit, so will es der Glaube. Wenn in dieser stillen Zeit der Erwartung des Christkindes dann in der Wahlheimat Türkei die Temperamente sich in schrillen Autokorsos austoben, weil 175 türkische Soldaten im Kurdengebiet ihr Leben verloren, dann falle es schon sehr schwer; `Stille Nacht, heilige Nacht` anzustimmen.
Um versöhnlich fortzufahren: “Am Sonntag, dem 27. Januar war der Gedenktag an den Holocaust. Dann ist es tröstlich, dass die Gottesdienstbesucher an diesem Tag `Großer Gott, wir loben Dich` leise und
zurückhaltend sangen!

Dann zitiert Kusch Dag Hammarskjöld, den praktizierenden Christen und früheren Uno-Generalsekretär: “Dein eigener Einsatz bewirkt nichts. Nur Gott bewegt etwas. Freue dich, dass du sein Werkzeug warst”. Erfolg und Misserfolg seien keine Sprache des Glaubens. Punkt.
Frau Johanna ergänzt pragmatisch: “Es wird zuviel auf die Kirche geschimpft. Es tut sich nichts von alleine - alles liegt an uns allen - zum Beispiel, ob der Raum im Kulturzentrum für den Gottesdienst gerichtet wird, ob Leuchter aufgestellt, frische Blumen den Altar schmücken. Sie ergänzt aber ebenso versöhnlich wie ihr Ehemannpastor: während der krankheitsbedingten Abwesenheit meines Mannes haben Laien von St. Nikolaus die Gottesdienste gestaltet.
Die fast direkt neben der Wohnung liegende Camý, die Moschee, unterbricht lautstark unser Gespräch. Die muslimische Seite ist mehrfach am Tage per Lautsprecher präsent.
Wir sprechen über die Religionen. Der Islam reklamiert für sich den Missionsanspruch, gegebenfalls auch mit mehr oder weniger Nachdruck. In seinem Einflussbereich hält er konkurrierende Religionen an der ganz kurzen Leine. In der Handreichung der EKD, in profaner Umgangssprache nennt man das auch Argumentationshilfe, reklamieren die christlichen Kirchen ebenfalls nachdrücklich für sich den Anspruch auf die Mission Andersgläubiger. “Gehet hin und lehret die Völker, nötigenfalls mit Feuer und Schwert” ergänze ich anzüglich und provozierend. Kusch gelassen:
“Richtig und im Sinne des neuen Testamentes übersetzt heißt das: Macht euch auf den Weg und lasst alle Völker mit lernen!” Man muss sich auf den Weg machen. Spaltungen überwinden. Seine Aufgabe zufrieden gut erfüllen. Das habe ich demütig und stetig auch in Alanya getan. Nun ist es an der Zeit, zu gehen”.

Time to say good bye. Nun gehen Johanna und Joachim Kusch, Pfarrer, zurück in ihre Heimat Freiburg im Breisgau. Die Stadt mit dem schönen Münster - und der Zentrale für Radrennfahrerdoping. Nahe genug am Elsaß - in Frankreich. Kuschs wollen aber wiederkommen, als Gäste, als Touristen. Versprochen.
An seinem siebzigsten Geburtstag am Dienstag, dem 19. Februar 2008 um 15 Uhr im Kulturhaus Alanya verabschiedet die St. Nikolausgemeinde ihren Pfarrer auf Zeit, Joachim Kusch mit einem deutsch-türkischen Liederabend “Lieder der Romantik”. Elif Akýmcý, Mezzosopranistin der staatlichen Opern Antalya, von Fritz Kaas, staatliches Konservatorium Antalya begleitet am Klavier. Der Eintritt sei frei. Kleiner Empfang im Anschluss.
- ho

Leave a Reply

Webmaster: Yiğit Demirel

Yiğit

indir
Rüya Tabiri
Entries RSS Comments RSS Giriş