Arap, der lachende Vagabund

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Dieses wird die Geschichte über das das Erlebnis mit einem Hund. Kein Herzschmerz ob der geschundenen Kreatur. Kein Schimpf auf die bösen Landwirte, welche Hundehaufen in ihren Erdbeerkulturen wenig appetitlich finden. Keine Klage gegen eine unfähige Bürokratie. Die immer noch keine Verordnung erließ, die den Hunden und den Katzen die Fortpflanzung ein für alle Mal untersagt. Versprochen.

Arap begegnete uns zum ersten Mal im Frühjahr 2007. Als Müll. Da hatte das schwarze nasse dürre winzige Knochengestell noch keinen Namen. Müll, çöp. Zieht jemand um, dann mistet er aus, was nicht mehr gebraucht wird. Kaputtes Kinderspielzeug zum Beispiel. Dazu gehören in der Türkei häufig genug junge Hunde. Kluge Augen des Mülls suchten seine Leute, aber die waren einige Tage zuvor fortgezogen. Michaela, eine freundliche Nachbarin, badete das erbärmliche Vieh, fütterte und tränkte es regelmäßig. Solche dankbaren Hundeaugen sind wie Schnellklebstoff. Kein Ende gut, alles gut; Michaela hat mit Flash und Lina ein Pärchen ausgewachsener Ridgeback-Löken. Riesig, furchterregend daherkommend, trotz ihres mehr als äußerst sanften Charakters Furcht auf den ersten Blick verbreitend. Ein dritter Hund kam nicht mehr in Frage, denn im Hause wohnt auch noch Rex, ein ausgewachsener und ebenso sanfter Kraftprotz der Gattung Kampfhund. Außerdem noch so eine kleffende wenig sozialisierte Töle.

Bei uns war es Liebe auf den ersten Blick, das Mickerbündel, schwarz wie die Nacht, mit weißem Latz, drückte sich an uns, forderte auf, es zu berühren, immerhin hatte es dank Michaela ein sauber gebadetes seidiges Fellchen über den hervorstechenden Rippen. So gern hätten wir es adoptiert, doch Chris, der alte Labradorveteran, ließ knurrend wissen: Du sollst keine anderen Hunde haben neben mir. Draußen will ich eure parallele Hundeliebe großmütig übersehen, aber über Garten und Heimschwelle kommt der Winzling mir nicht. Trotz der frappierenden Ähnlichkeit, Chris könnte der Vater sein, kann es aber nicht, denn vor vielen Jahren schon ist er kastriert.

So blieb Arap ein Straßenköter, erhielt von Michaela ein Halsband und den Namen Arap, Schwarzer, und von uns sein Futter. Jeden Morgen, wenn ich Luise um die Ecke brachte auf ihrem Weg zur Sprachschule, begleitete Arap uns, oft mehrere Kilometer. In den Monaten wurde er immer schöner und immer größer und seine kleinen zarten Riesenpfoten ließen auf noch mehr Wachstum schließen.

Es ist der erste Hund, der ständig zu lachen scheint. Eine leere Getränkeflasche reicht schon zum Spielen, wir müssen sie nur festhalten, alles andere erledigt Arap. Ein Stofffetzen, kein Problem. Durst? Die nächste Pfütze reicht, oder im Luxus der schlabbernde Fang am Strahl einer Gießkanne. Nicht genug Streichelheiten, unzureichende Aufmerksamkeit? Arap nimmt mit seinem riesig gewordenen Gebiß äußerst vorsichtig die Hand in seinen Fang, schaut hoch, los, streichle mich gefälligst, und nicht nur mal so eben. Oder zwickt ganz zart mal von hinten in die Wade, laß doch den dämlichen Bus sausen, es gibt auch noch mich. Das Anspringen ließ er sich längst abgewöhnen.

Arap, dieses gummiballartige riesig gewachsene Bündel Freude, wurde der tägliche Begleithund ohne Leine neben unserem in die Jahre gekommene Chris. Wo er sich nachts zusammenrollte, hat er uns nie verraten, aber tagsüber war es immer Freude auf beiden Seiten. Ein Mehraufwand an schmuddlig gewordener Kleidung. Denn Arap pflegte sich auf den rechten Schuh zu setzen, drückte nachdrücklich seinen schlanken klugen Hundekopf zwischen Arm und Körper und rührte sich erst wieder, wenn er ausgiebig gestreichelt war. Wann das zu sein hatte, bestimmte der Hund, der außerdem auf zwei Sprachen hörte. Oder auch nicht.

Eines Tages kam Arap nicht mehr, die Extraportion Futter, die er sich sonst immer gleich selbst nebst Tüte aus der Tasche zog, blieb drin. Nach drei Tagen abends in Alanya, sozusagen mitten auf dem Kürfürstendamm, am Denkmal des erzenen Staatengründers der modernen Türkei, fühle ich eine kalte feuchte schwarze grosse Kartoffelnase in der Hand und jemand legt mir seine beiden riesigen schwarzen Pfoten auf den Arm, begrüßt mich auf gleicher Augenhöhe mit einem nassen Hundekuss: Arap. Ohne Halsband, aber eindeutig „unser“ Arap. Sieben Kilometer. Holte sich an Streicheleinheiten ab, was er tagelang vermißt hat. Was tun? Bei der Umwidmung des Hosengürtels zum Halsband gäbe es ein Problem. Prüden Türken würde eine rutschende Hose möglicherweise zum Ärgernis. Kein Bus würde einen Deutschen mit einem großen Hund befördern. Taxi? Könnte gehen. Arap erhielt mit der Rechten sein Ersatzhalsband, ich mit der Linken hinderte die Buchse, der irdischen Schwerkraft nachzugeben. Arap löste das Problem. Sachte zog er seinen schönen schlanken Hals aus der Schlinge, leckte mir – ein letztes Mal vermutlich – die Hand und entschwand durch den dicken Verkehr hindurch in der Dunkelheit. Anderntags sah Luise aus dem Busfenster heraus am Strand drei, vier schwarze Hunde ausgelassen miteinander spielen. Arap? Könnte dabeigewesen sein, denn einer so ganz genau so aus. Hoffentlich paßt er gut auf sich auf. Ende einer Hundeliebe auf Zeit.

- ho

3 Responses to “Arap, der lachende Vagabund”

  1. 1
    Peter Hockenholz Says:

    “Nur” vier Wochen später, auf Tour einer Reportage wegen, steckt mir plötzlich eine kalte feuchte schwarze Kartoffelnase vor dem Lokal Manolya in Alanya in der Hand - Arap.

    Ein fieser Regentag, eine riesige Freude, eine Taxe - Arap ist jetzt bei uns. Aber auf Dauer zwei so große schwarze Hunde? Es ist ein Traumhund - wir wollen, müssen, den lieben Hundekerl in besten Hände abgeben - interessiert?

    Hoffentlich meldet sich niemand, wer gibt schon einen Superhund wieder ab???

  2. 2
    eleonore Says:

    Die Geschichte könnte glatt von mir sein, denn vor 7 Jahren umschlich ein schmutziges weißes Etwas auf 4 Pfoten unser Haus, als ob sie es gewußt hat, dort wohnt Mutter Theresa, und die ließ sie nicht mehr aus den Augen.Verzweiflung machte sich breit, was nun,mit unserem Großen war das Haus komplett, und sie war eine Hündin.Dann war sie plötzlich weg und Gerüchte verbreiteten sich, jemand hat sie 20 km weiter weg gebracht.Nach 14 Tagen kam sie wieder, vergleichbar mit einem Müllbündel, lag sie vor dem Tor.Der Weg zum Tierarzt war unumgänglich, sie wurde gleich sterilisiert und bekam einen Platz neben unseren Kangal.Jetzt ist Luky unser Yolköpek seit 7 Jahren bei uns und nicht mehr wegzudenken.Die anfängliche Arbeit mit ihr hat sie uns belohnt mit Treue und Wachsamkeit.

  3. 3
    Peter Hockenholz Says:

    Danke Eleonore für Ihren Beitrag! Weiter viel Freude mit ihrem Hundezuwachs von vor sieben Jahren!

    Bei uns ist der Schmutz im Hause drei Mal so viel wie von unserem alten Chris, aber die Freude an diesem schwarzen Temperamentbündel 10 mal so hoch.

    Nur, was machen wir, wenn wir mal nach Deutschland müssen? Vielleicht findet sich ja doch noch jemand mit Interesse an diesem Traumhund??

    Gruß Peter Hockenholz

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